Akutes Koronarsyndrom (ACS)
Definition und Klassifikation
Akutes Koronarsyndrom ist ein Oberbegriff für ein Kontinuum myokardialer Ischämie und Infarkte, verursacht durch plötzliche Verminderung des koronaren Blutflusses. Es wird in drei Entitäten unterteilt:
| Entität | Troponin | EKG | Verschlussgrad |
|---|
| Instabile Angina (UA) | Negativ | Keine ST-Hebung | Subtotal |
| NSTEMI | Positiv | Keine ST-Hebung | Subtotal |
| STEMI | Positiv | ST-Hebung >20 min | Total |
UA und NSTEMI werden zusammenfassend als NSTE-ACS bezeichnet.
Pathophysiologie
Die zugrundeliegende Ursache ist fast immer die Ruptur oder Erosion eines atherosklerotischen Plaques in einem Koronargefäß, gefolgt von Thrombozytenaggregation und Thrombusbildung, was zu subtotaler (NSTE-ACS) oder totaler (STEMI) Okklusion führt.
Typ-1-MI - Plaqueruptur mit Thrombusbildung (häufigste Form)
Typ-2-MI - Missverhältnis zwischen Sauerstoffangebot und -bedarf (z.B. bei schwerer Anämie, Hypotonie, Tachykardie, Thyreotoxikose). Therapie richtet sich gegen die Grundursache.
Seltene Ursachen umfassen Vasospasmen (Prinzmetal-Angina), kokaininduzierte Spasmen und spontane Koronardissektion (am häufigsten bei peripartalen Frauen).
Epidemiologie
Etwa 1,2 Millionen Patienten werden jährlich in den USA wegen ACS hospitalisiert, davon ca. 2/3 mit NSTE-ACS. Mehr als die Hälfte ist älter als 65 Jahre, fast die Hälfte sind Frauen. - Goldman-Cecil Medicine
Klinische Präsentation
- Brustschmerz (typischerweise drückend, Ausstrahlung in Arm oder Kiefer)
- Dyspnoe, Schweißausbrüche, Übelkeit
- Atypische Präsentation häufiger bei älteren Patienten, Diabetikern und Frauen
- EKG-Befunde: ST-Senkungen, T-Wellen-Inversionen, neuer Linksschenkelblock (LSB) oder ST-Hebungen (STEMI)
Diagnostik
Biomarker: Troponin (I oder T) ist der empfohlene Biomarker für Myozytennekrose. Hochsensitive Troponinassays (hs-cTn) mit 0- und 1-Stunden-Protokoll verbessern die diagnostische Genauigkeit. CK-MB wird für die Initialdiagnostik nicht mehr empfohlen (geringe Spezifität). BNP kann erhöht sein und weist auf myokardialen Stress hin - stark erhöhtes BNP bei ACS ohne bekannte Herzinsuffizienz sollte den Verdacht auf einen großen Infarkt wecken.
EKG: Sofortige Beurteilung erforderlich. Wellens-Syndrom (tiefe T-Wellen-Inversionen in V2-V3) ist ein wichtiger Befund, der auf eine proximale LAD-Stenose hinweist.
Risikostratifizierung
TIMI-Risiko-Score (0-7 Punkte, 1 Punkt pro Variable):
- Alter >65 Jahre
- Bekannte KHK (Stenose >50%)
- Mindestens 2 Angina-Episoden in den letzten 24 h
- ST-Veränderungen oder T-Wellen-Inversion
- Erhöhte kardiale Biomarker
- Acetylsalicylsäure (ASS) in den letzten 7 Tagen
- 3 oder mehr KHK-Risikofaktoren
GRACE-Risiko-Score:
Berechnet das Risiko für In-Hospital-Tod oder MI. GRACE >140 entspricht einem sehr hohen Risiko (>20% in-hospital Tod/MI).
Therapiestrategie
Sofortige medikamentöse Therapie (alle ACS-Patienten):
- ASS 300 mg Ladebolus, danach 75-100 mg täglich
- P2Y12-Hemmer (einer wählen): Ticagrelor oder Prasugrel werden gegenüber Clopidogrel bevorzugt (stärkere und schnellere Thrombozytenhemmung). Duale Thrombozytenaggregationshemmung (DAPT) wird 12 Monate fortgeführt
- Antikoagulation: Unfraktioniertes Heparin (UFH) für 48 h oder niedermolekulares Heparin (NMH) bis zur Entlassung, maximal 8 Tage. Bivalirudin ist eine anerkannte Alternative
- Betablocker, Nitrate, Sauerstoff bei Bedarf
Revaskularisierungsstrategie (NSTE-ACS):
| Zeitfenster | Indikation |
|---|
| Sofort (<2 h) | Refraktäre Angina, hämodynamische Instabilität/Schock, schwere Herzinsuffizienz, anhaltende VT/VF |
| Früh-invasiv (<24 h) | TIMI ≥3 oder GRACE >140, rasch ansteigende Biomarker, neue ST-Senkungen |
| Verzögert-invasiv (24-72 h) | Diabetes, Niereninsuffizienz (GFR <60), EF <40%, frühe Postinfarkts-Angina, TIMI ≥2 oder GRACE 109-140 |
| Ischämie-gesteuert (konservativ) | TIMI ≤1 oder GRACE <109, Niedrigrisiko-Patient ohne Hochrisikozeichen |
Quelle: Washington Manual of Medical Therapeutics; Goldman-Cecil Medicine
STEMI - Reperfusion (primäre PCI):
- Primäre PCI ist die Therapie der Wahl - angestrebte "Door-to-Balloon"-Zeit <90 min (60 min bei Verlegung)
- Thrombolyse, wenn PCI nicht innerhalb von 120 min nach Symptombeginn durchführbar
- ASS + P2Y12-Hemmer + Antikoagulation vor PCI
Sekundärprävention
- ASS lebenslang
- DAPT (ASS + P2Y12-Hemmer) für 12 Monate
- Statin (Hochdosis), ACE-Hemmer/ARB, Betablocker bei reduzierter EF
- Kardiale Rehabilitation
Aktuelle Evidenz (2025)
Die neuen
ACC/AHA-Leitlinien 2025 fassen die bisherigen getrennten STEMI- und NSTE-ACS-Leitlinien (2013-2015) in einem einheitlichen Dokument zusammen. Wesentliche Änderungen:
- Ticagrelor und Prasugrel werden bei PCI gegenüber Clopidogrel empfohlen
- Aktualisierte Empfehlungen zur DAPT-Dauer basierend auf individueller Blutungs- vs. Ischämierisikoabwägung
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit im
Lancet (Valgimigli et al., 2024,
PMID: 39226909) zeigt, dass die Deeskalation auf Ticagrelor-Monotherapie nach kurzer DAPT-Dauer bei ausgewählten Patienten Blutungskomplikationen reduzieren kann, ohne das Ischämierisiko zu erhöhen.
Quellen: Goldman-Cecil Medicine 26. Aufl., Washington Manual of Medical Therapeutics, Fuster and Hurst's The Heart 15. Aufl., ACC/AHA-Leitlinien 2025